Sucht man nach einem Hund, tauchen Sie unweigerlich früher oder später auf: Auslandshunde, die einen aus irgendeinem verdreckten, vergitterten Shelter heraus treu und mitleiderregend anblicken. Und auch die Tierschutzvereine, die die Hunde aus dem Ausland vermitteln, sprechen mit erweichenden Worten von den schrecklichen Zuständen vor Ort und der Dringlichkeit, mit der die armen Geschöpfe ein besseres Zuhause im gelobten Land des Tierschutzes suchen. Tatsächlich stellt sich die Frage nicht, ob der Auslandstierschutz berechtigt ist: Schon ein Blick auf die teils katastrophale Situation für Tiere in manchen Ländern macht klar, dass Hilfe dringend nötig ist. Ob allerdings die pragmatische Vermittlung hilfsbedürftiger Tiere nach Deutschland der richtige Weg ist, darüber lässt sich vorzüglich streiten.

Zwischen Mitleids-Tat und echter Hilfe

Ob in den Sheltern Rumäniens oder auf den Straßen der Mittelmeerländer: Gerade Hunde haben es in vielen Ländern deutlich weniger schön als hier bei uns. Getreten, vertrieben, gejagt und gequält zu werden gehört neben dem Hunger zum Alltag vieler Streuner. Wer das übersteht, dem droht immer noch der Hundefänger, der täglich viele Hunde in Tötungsstationen oder öffentliche Shelter bringt, die kaum besser sind. Dort sind die Tiere dann oftmals auf engstem Raum zusammengepfercht, ohne Rückzugsmöglichkeiten, ohne einen Platz, sich zu lösen und ohne Schutz vor Kälte und Hitze. Von ausreichend Futter oder Streicheleinheiten können diese Hunde nur träumen. Viele der tierischen Insassen solcher Anstalten verenden an Krankheiten, Bissverletzungen und Mangelernährung oder aber sie vegetieren in den tierunwürdigen Zuständen stumpfsinnig vor sich hin.

Man muss kein ausgesprochener Tierschützer sein, um den Schrecken dieser Zustände zu erkennen. Der Gedanke, durch die Adoption eines Auslandshundes zumindest ein Hundeleben zu retten ist verführerisch. Und tatsächlich können Sie damit die Situation eines einzelnen Hundes massiv verbessern – an der Gesamtsituation ändert es allerdings nichts, abgesehen davon dass die Adoption eines Auslandshundes unter Umständen eine sehr große Belastung bedeuten kann (wir berichteten).

Denn die Shelter und Tötungsstationen sind voll: Kaum ist ein Hund vermittelt, rücken auch schon drei weitere für ihn nach. Das sind Dimensionen, die man sich hierzulande kaum vorstellen kann, vor allem, wenn man bedenkt, dass ein Großteil der Streuner die ersten Lebenswochen gar nicht überlebt und viele Straßenhunde ihr Ende unter Autorädern oder durch Giftköder verärgerter Anwohner finden, statt im Shelter zu landen. Letztlich muss wohl jeder zugeben, dass die Adoption eines Auslandshundes zwar für diesen eine wundervolle Chance bedeutet, aber zweifelsfrei keine ernsthafte Hilfe im Auslandstierschutz ist, sondern vielmehr ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Kritische Stimmen zum Auslandstierschutz

An genau diesem Punkt werden die kritischen Stimmen laut. Denn die Vermittlung von Hunden aus dem Ausland scheint ein Fass ohne Boden zu sein: Solang sich die Situation vor Ort nicht verbessert, kommen stets neue Hunde nach, die ein neues Heim in deutschen Wohnzimmern suchen. Dort können Sie aber oft nicht bleiben, weil die frischgebackenen Hundehalter vor lauter Mitleid verpasst haben, ihre Lebensumstände genau zu überprüfen und nun doch mit dem neuen Familienmitglied und seinen teils speziellen Anforderungen überfordert sind. Dann landen die ehemaligen Auslandshunde in deutschen Tierheimen – die allerdings vielerorts bereits überfüllt sind! Wäre es da nicht besser, einen Hund aus einem deutschen Tierheim zu adoptieren, statt weitere Hunde aus dem Ausland zu importieren?

Tatsächlich ist dieser Kritikpunkt nicht ganz ungerechtfertigt: Auch in deutschen Tierheimen warten Hunde auf die Adoption, die sie sich ebenfalls redlich verdient haben. Allerdings muss auch ehrlich gesagt werden, dass deutsche Vermittlungshunde eine geringere Heterogenität aufweisen. Da es hierzulande zum Beispiel keine Straßenhunde gibt und Kastration und Sterilisation für viele Hundehalter selbstverständlich sind, ist auch die Menge an ungewollten Würfen zum Glück deutlich geringer. Trotz vieler unseriöser Hinterhofzüchter hält sich der „Nachschub“ deshalb vergleichsweise in Grenzen. Hunde, die im Tierheim landen, sind im Normalfall Tiere, deren Halter sie aus diversen persönlichen oder gesundheitlichen Gründen nicht mehr halten konnte oder aber deren Halter mit ihnen überfordert war. Die letztere Gruppe bildet leider die Mehrheit, entsprechend viele Hunde in deutschen Tierheimen sind deshalb ebenfalls noch kaum erzogen und haben teilweise schon erste Verhaltensstörungen entwickelt. Die tatsächlichen Notabgaben aus Sterbefällen, Scheidung und ähnlichem, die bereits eine Grunderziehung und oft auch eine solide Sozialisation erhalten haben, sind rar und oftmals schnell vergeben oder bereits etwas älter und damit weniger attraktiv für die Vermittlung.

Der Auslandstierschutz hingegen bietet ein enorm heterogenes Feld unterschiedlichster Hunde: Vom Welpen über den Junghund bis hin zum Senior, vom 20cm Zwerg bis hin zum 70cm Hüne bekommt der Interessent fast alles „auf Bestellung“ aus dem Ausland. Das mag den deutschen Tierheimhunden gegenüber zunächst unfair klingen, tatsächlich vergrößert es aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Interessent wirklich den passenden Hund für sich findet. Mit anderen Worten: Die Menschen, die einen Hund aus dem Auslandstierschutz adoptieren sind nicht zwangsläufig die selben Menschen, die sich auch für einen Hund aus dem deutschen Tierschutz interessieren würden.

Eine weitere gängige Praxis, die es zu hinterfragen gilt, ist es, Hunde aus Tötungsstationen „freizukaufen“: Denn mittlerweile spekulieren die Betreiber dieser Stationen schon darauf, dass eine gewisse Anzahl der Hunde von ausländischen Tierschützern freigekauft wird und nehmen deshalb bewusst Überbelegungen auf sich. Schließlich sind diese Gelder ein gern gesehenes Zubrot zu den pro Kopf Geldern, die sie aus öffentlichen Mitteln für die Tötung erhalten. Ob sich die Situation für die Tiere in der Enge weiter verschlechtert, interessiert in der Tötungsstation keinen, während Tierschützer sich dadurch darin bestärkt fühlen, weitere Tiere „freikaufen“ zu müssen – ein Teufelskreis, der nicht durch Auslandsadoptionen, sondern nur durch Aufklärungsarbeit vor Ort durchbrochen werden kann.

Ein Geschäft mit Mitleid und Tierliebe?

Ein anderer, wichtiger Kritikpunkt, der immer wieder aufkommt, ist der, dass es bei Auslandstierschutz weniger auf die Tiere, denn auf das Geld ankäme. Und auch hier muss leider gesagt werden: Es steckt ein wahrer Kern dahinter. Zwar gibt es viele seriöse Organisationen, die nach geltendem Recht und auf das Wohl der Tiere ausgerichtet handeln, aber leider gibt es auch viele schwarze Schafe. Mit seriösem Auslandstierschutz kann mit Sicherheit kein Gewinn gemacht werden: Er finanziert sich fast ausschließlich über Spenden, die Einnahmen werden im Normalfall direkt wieder in die Ausstattung privater Tierschutzstellen oder Kastrationsprojekte und ähnliches gesteckt. Gelder, die für den importierten Hund gezahlt werden, können klar ausgewiesen werden.

Leider ist es dennoch oft nicht einfach, seriösen und unseriösen Auslandstierschutz zu unterscheiden.

Deshalb hier einige Punkte, aufgrund derer Sie Unterscheidungen treffen können:

  • Seriöser Auslands Tierschutz
  • Unseriöser Tierimport aus dem Ausland
  • Es werden Vor- und Nachkontrollen bei den zukünftigen Hundehaltern durchgeführt.
  • Die Hunde können ohne weitere Umstände bei Privatpersonen oder auch direkt am Ankunftsort (zum Beispiel am Autobahnparkplatz) abgeholt werden. Persönlichen Kontakt mit Mitarbeitern der Organisation gibt es im Vorfeld nicht.
  • Anfallende Kosten können offengelegt werden.
  • Bei Nachfragen zu den anfallenden Kosten wird ausgewichen.
  • Alle Tiere sind nach den Importbestimmungen untersucht, geimpft und gechipt und können mit gültigen Ausweispapieren eindeutig zugeordnet.
  • Die Importbestimmungen werden nicht eingehalten. Das kann sein, dass Welpen unter 4 Monate alt sind (Einreise ist dann illegal!), dass Impfungen nicht durchgeführt wurden (Impfpass kontrollieren!) oder auch dass keine ausreichenden veterinärmedizinischen Untersuchungen vorgenommen wurden. Auch gefälschte Papiere kommen leider immer häufiger vor.
  • Interessenten werden auch auf mögliche Probleme und Schwierigkeiten hingewiesen: Nicht nur Vorzüge, sondern auch eventuelle Schwäche des Tieres können benannt werden.
  • Die angebotenen Tiere werden als perfekte Hunde in schlimmen Umständen präsentiert – angeblich sind alle gut sozialisiert, menschenfreundlich und kuschelbedürftig; Mögliche Probleme werden unter den Teppich gekehrt.
  • Die Organisation arbeitet auch vor Ort, um die Situation für die Tiere dort grundlegend verbessern zu können, z.B. durch Kastrationsprojekte, Ausbau des dortigen Tierschutzes, Unterstützung von Tierheimen vor Ort, etc.
  • Ein Verbesserung der Umstände im Herkunftsland wird nicht gezielt angestrebt, die Organisation kümmert sich lediglich um die „Umsiedlung“ der Tiere.

Die aufgeführten Punkte sind nur eine unvollständige Gegenüberstellung verschiedener Kriterien, die es Ihnen als Laien ermöglichen, die Seriosität einer Tierschutzorganisation einzuschätzen.

Kritisch sollten Sie übrigens auch werden, wenn eine Organisation hauptsächlich Welpen anbietet, da das organisierte Verbrechen zunehmend das Geschäft mit dem Mitleid für sich entdeckt hat und beginnt, Welpen aus der Massenzucht als „Tierschutzwelpen“ zu verkaufen – diese sind dann oft zu jung, krank und haben gefälschte Papiere. Dazu kommt, dass sich auch fern des großen organisierten Welpenhandels leicht schnelles Geld mit Welpen machen lässt, die im Herkunftsland ohnehin niemand will.

Auch wenn „verbrauchte“ Mutterhunde und Überschusswelpen aus der Massenzucht „freikauft“ und vermittelt werden, sollten Sie Vorsicht walten lassen. Denn damit wird nicht nur indirekt die tierquälerische Massenzucht unterstützt, man kann sich zudem nicht sicher sein, dass nicht der organisierte Welpenhandel selbst dahinter steckt, der so einen letzten Gewinn aus für die Zucht nicht mehr rentablen Tieren schlagen will.

Nachhaltige Hilfe – aber wie?

Nur punktuell zu helfen, indem wahllos Tiere nach Deutschland ausgeführt werden ist sicherlich keine echte Hilfe für Tiere im Ausland. Dennoch ist klar, dass Tierschutz nicht an den Grenzen aufhört. Wichtig ist deshalb vor allen Dingen, die Hilfe so zu gestalten, dass sie nachhaltige Verbesserungen bringen kann.

Hierzulande ist der Tierschutz bereits weit entwickelt und gut strukturiert – ein Vorteil, von dem auch ausländische Tierschutzorganisationen profitieren können. Denn mit der entsprechenden „Entwicklungshilfe“ kann es gelingen, auch im Ausland Strukturen zu schaffen, die die Bedingungen der Tiere vor Ort deutlich verbessern und die Chancen auf eine Vermittlung im Herkunftsland steigern.

Dazu gehören zum Beispiel Aufklärungskampagnen vor Ort, die ansässigen Menschen, die sich ans Wegsehen gewöhnt haben, wieder vor Augen führen, das die Tiere in Ihrem Land Hilfe benötigen. Auch Kastrationsprojekte, die die Menge an Straßenhunden und unkontrolliert werfender Hündinnen auf Bauernhöfen reduzieren, sind hilfreich, um das Leid zu reduzieren. Der Ausbau privater Tierschutzanstalten und Tierheime durch die Zusammenarbeit mit lokalen Tierschützern hat sich als hilfreich erwiesen: Dadurch entsteht eine tierfreundlichere Alternative zu den öffentlichen Sheltern. Natürlich kann die Unterstützung des lokalen Tierschutzes auch durch Sach- und Geld-Spenden, Schulungen und ähnliches erfolgen – wichtig ist in erster Linie, dass tatsächlich Arbeit vor Ort stattfindet, die langfristige Auswirkungen haben kann, statt das Problem der „überschüssigen“ Hunde einfach in deutsche Tierheime auszulagern. Denn langfristig müssen alle Länder eigene Tierschutzstrukturen erschaffen und durchsetzen.

Warum die Adoption von Auslandshunden dennoch Sinn macht

Auch wenn die Adoption eines Auslandshundes nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, auch wenn dadurch keine nachhaltige Hilfe entsteht – dennoch macht sie Sinn. Zum einen natürlich für den Hund, der so die Chance auf ein besseres Leben erhält. Zum anderen aber auch für den Halter, der im deutschen Tierschutz eventuell mangels geeigneter Kandidaten nicht fündig geworden wäre.

Es ist traurig, dass schwarze Schafe den Ruf des seriösen Auslandstierschutzes immer wieder und immer nachhaltiger zerstören. Seriöse Organisationen, die nachhaltig arbeiten, sollten aber auch weiterhin durch Spenden und Adoptionen in Ihrer Arbeit bestärkt und unterstützt werden!

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