Ein tiefes Knurren, die Lefzen werden nach oben gezogen, schon schnappen die Zähne zu – jedes Jahr werden allein in Deutschland tausende Menschen von Hunden gebissen. Von leichten Druckstellen über blutige Kratzer bis hin zu klaffenden Bisswunden ist dabei fast jeder Ausgang möglich. Oft hängt das Ende einer Beißattacke weniger von dem Hund selbst ab, als davon, wie die menschlichen Beteiligten reagieren. Denn die wenigsten Hundebisse sind wirklich die Folge von Aggressivität. Die meisten Hunde beißen vielmehr aus Angst und Unsicherheit zu, es sind Angstbeißer. Durch richtiges Verhalten können diese Bisse leicht vermieden werden.
Wir klären nun über den richtigen Umgang mit Angstbeißern auf und versuchen alles etwas in das rechte Licht zu rücken!
Was versteht man unter einem Angstbeißer?
Als Angstbeißer werden unsichere Hunde bezeichnet, die unnatürlich viele Situationen als bedrohlich erleben und versuchen, sich mit aggressivem Verhalten zu „schützen“. Oft wurden diese Hunde in ihrer Welpenphase nicht sozialisiert und haben in der entscheidenden Prägephase wenige Reize kennen gelernt.
Das kann soweit führen, dass schon ein entgegenkommender Fußgänger, ein vorbeifahrendes Fahrrad oder ein unerwarteter Schritt in seine Richtung als Bedrohung interpretiert wird, die eine abwehrende Drohgebärde nach sich zieht. Entsprechend sind diese Hunde beinahe ständig gestresst. Ihre Besitzer*innen aber auch, denn schließlich sind sie ständig in Sorge, ihr Hund könne jemanden beißen oder auch sich selbst.
Deshalb ist es wichtig, bei Angstbeißern schnell zu reagieren und ihnen ein adäquates Handlungsrepertoire anzutrainieren. Das fordert zwar viel Zeit und Engagement und manchmal auch die Hilfe eines Profis, aber letztlich profitieren sowohl Hund als auch Halter*inn davon, weil beide ihr Zusammenleben entspannter genießen können.
Unsichere Hunde und aggressive Hunde – eine Unterscheidung
Manch einer mag vielleicht sagen: „Ist doch egal, ob der Hund ängstlich oder aggressiv ist – Biss ist schließlich Biss!“ So stimmt das allerdings nicht. Denn während ein aggressiver Hund angreift, um seine Dominanz zu unterstreichen, versucht ein ängstlicher Hund lediglich, sich aus einer vermeintlich bedrohlichen Situation zu befreien. Deshalb verursachen Angstbeißer normalerweise nur leichte Bisswunden und kneifen oft sogar nur. Das ist oftmals ausreichend, um sich den gewünschten Freiraum für die Flucht zu sichern.
Aggressive Hunde hingegen beißen zu, um ihren Gegner zu vertreiben, zu verletzen. Ihre höhere Stellung im Rudel anzuzeigen oder im extremsten Fall gar, weil sie ein kleines Kind als Beute identifizieren. Entsprechend haben diese Bisse oft viel fataler Folgen, Attacken können hier sogar tödlich enden.
Auch die Vorzeichen eines Bisses sind unterschiedlich. Während Angstbeißer zunächst versuchen auszuweichen, mit eingezogener Rute und geduckter Haltung drohen, machen sich aggressive Hunde groß. Sie fixieren ihren Gegner mit starrem Blick, das Fell sträubt sich, die Haltung ist breit, nach vorne gerichtet und selbstsicher.
So können Angstbisse vermieden werden
Da Angstbeißer aus vermeintlichen Bedrohungssituationen heraus zubeißen, sollte man meinen, Bisse können vermieden werden, indem bedrohliche Situationen gemieden werden. Leider ist das nicht so einfach, denn was Angstbeißer als bedrohlich empfinden, ist nicht immer von außen nachvollziehbar. Auch hat sich die Unsicherheit und Ängstlichkeit oft schon so im Verhalten des Tieres verfestigt, so dass es beinahe unmöglich ist, einen Raum ohne vermeintliche Bedrohungen zu schaffen. Das heißt aber noch lange nicht, nichts unternehmen zu können. Zuerst einmal muss der Gedanke, die ständige Angst vor einem Angstbiss, weichen, um die Arbeit am Hund angehen zu können. Denn der Hund spürt die Besorgnis. Unsicherer Hund + unsichere:r Halter:in = Keine Problemlösung, sondern es potenziert sich im schlimmsten Fall das Problem.
Damit das Zusammentreffen von einem ängstlichen und unsicheren Hund mit einem anderen Hund oder Menschen gut und ohne Zwischenfall funktioniert, muss zuerst sein Verhalten genau beobachtet werden. Körperhaltung und räumlicher Rückzug sind oft eindeutige Zeichen, ob der Vierbeiner sich bedroht fühlt.
Damit ein unsicherer Hund entspannt sein und bleiben kann, beachte folgende Punkte:
- Einem unsicheren Hund niemals von hinten annähern, sondern immer so, dass er alles im Blickfeld hat.
- Weicht der Hund zurück, sollte vermieden werden, ihn zu bedrängen oder ihm nachzugehen.
- Laute Geräusche und ausholende Gesten vermeiden, die den Hund erschrecken könnten.
- Direkter Blickkontakt ist bei Hunden ein Zeichen von Dominanz – deshalb, einem unsicheren Hund nicht direkt in die Augen starren, er könnte es als Bedrohung auffassen.
- Ein ängstlicher Hund benötigt immer ausreichend Raum, um sich zurückzuziehen. Denn Rückzug wird für einen unsicheren Hund immer die erste Wahl noch vor der Aggression sein.
Angstbeißer umerziehen
Besitzer eines unsicheren Hundes, der aus Angst aggressiv reagiert, haben allerdings noch eine weitere Möglichkeit, Angstbisse in Zukunft zu vermeiden. Nämlich indem der Angstbeißer umerzogen wird.
Denn wie bereits erwähnt, geht abwehrende Aggression oft auf unzureichende Sozialisation zurück. Der Hund lernt von klein auf andere Hunde und auch Menschen kennen. Dabei werden bestimmte Verhaltensweisen gelernt und eingeübt. Dieses allmähliche Anpassen an Regeln bezeichnet man als „Sozialisation“. Folgendes Beispiel: Der Chihuahua von Frau Müller wird von Klein auf mit Samthandschuhen angefasst. Hier dominiert der menschliche Verstand. Der Chihuahua weiß doch überhaupt nicht das er klein ist. Andere Hunde sind meist zu groß und wild und da bleibt die kleine Fellnase besser zu Hause. Welpenschule und Training findet oft nicht statt, ist doch nur ein kleines Hundchen. Und wenn der kleine Hund misstrauisch dem Nachbarn gegenüber ist, wird er selbstverständlich in Schutz genommen. Der Hund verbindet damit ab nun eine Belohnungssituation.
Der Umgang mit anderen Hunden fehlt oft vollständig und der Mensch agiert mit menschlichen Reaktionen auf tierisches Verhalten (lieb gemeint, aber meist falsch). Lernerfahrung = Null. Es macht sich Unsicherheit breit. Weder hat ihn ein gut sozialisierter Rudelkollege mal zurechtgestutzt, noch in Schutz genommen und Mensch hat menschlich, aber nicht tierisch reagiert. Und dabei braucht der kleine Hund doch nur Sicherheit, Sicherheit in Bezug auf: Ich weiß ganz genau, wie ich mich jetzt zu verhalten habe, denn diese Situation kenne ich. Fehlt das alles, ist das Resultat recht oft eindeutig. Unsicherer Hund, Kläffer, Beißer. Das ist aber nur ein kurzes Beispiel von vielen. Bei Tierschutzhunden kommen oft noch negative Erfahrungen mit Menschen hinzu. Aber ob kleiner oder großer Hund, ohne ausreichende Sozialisation, entwickeln sich unerwünschte Verhaltensmuster und die sind hausgemacht.
Allerdings können auch schwierige Hunde mit ausreichend Zeit, Engagement und Sachverstand resozialisiert werden. Da Angstbeißer normalerweise besonders unsichere Tiere sind, spielt bei ihrer Sozialisation vor allem Sicherheit eine große Rolle. Der Hund muss lernen zur Ruhe zu kommen, auf jeden Fall sollte einem unsicheren und ängstlichen Hund ein eigener Ruheraum zugewiesen werden, an den er sich in Stresssituationen ungestört zurückziehen kann.
Extrem wichtig ist die Rolle, die Hundehalter spielen
Sicherheit und Selbstbewusstsein zieht ein unsicherer Hund auch aus der Beziehung. Ein stabiles Sozialsystem im heimischen „Rudel“ (also in seiner Familie) hilft einem ängstlichen Hund Sicherheit zu finden – denn wer weiß, wo sein Platz ist, muss nicht ständig bangen und schwanken. Gleichbleibende Tagesabläufe und Rituale erleichtern die Orientierung im Alltag, ein Herrchen oder Frauchen, dass auch in Stresssituationen ruhig bleibt, verleiht Sicherheit, aber ebenso wenn klare Regeln gelten. Der Hund darf z.B. nicht in die Küche. Ok, dann aber immer, ohne Ausnahme. Hund weiß bescheid, ist auch keinem deswegen Böse, sondern er weiß nun wo er nicht hingehört. Für den Hund vollkommen ok.
Auch positiver Kontakt mit anderen, gut sozialisierten Hunden kann einem unsicheren Vierbeiner helfen, entspannter zu werden und weniger abwehrend auf bestimmte Situationen reagieren. Manchmal ist es auch lohnend, einem unsicheren Hund einen gelassenen Zweithund zur Seite zu stellen – ein Allheilmittel ist das allerdings nicht.
Ist die Abwehraggression bereits ausgeprägt, ist es oft klüger, sich gezielt Hilfe eines Hundetrainers zu holen, als lange selbst zu versuchen, während sich die Situation weiter verfestigt. Scheue nicht davor zurück, Hilfe vom Fachmann/frau zu holen. Eine Bewältigung der Problematik wird sich auf jeden Fall positiv auf das Verhältnis zwischen Hundehalter und Hund auswirken!
Schon vor dem ersten Biss reagieren
Ist der Hund noch kein Angstbeißer, sondern noch ein unsicherer Welpe, ist die Intervention natürlich einfacher, denn hier haben sich noch keine destruktiven Verhaltensweisen verfestigt.
Allerdings machen wohlmeinende Besitzer unsicheren Welpen und Junghunde oft den immer gleichen Fehler. Treten beängstigende Situationen auf, wird der Welpe aus der Situation entfernt und mit reichlich Streicheln und Zuwendung über den Schreck hinweg getröstet. Die Folge: Der Welpe verknüpft seine Angst mit einer Belohnungssituation. Besser ist es, dem Welpen die Möglichkeit zu geben, sich beängstigenden Situationen zu stellen. Als Halter*inn solltest Du ruhig, so dass der Welpe sich diese Ruhe „abschauen“ kann.
Arbeit mit dem Hund lohnt sich
Einen Angstbeißer zu resozialisieren mag viel Arbeit machen und Zeit und Engagement fordern – einen Angstbeißer zu halten und ständig zu bangen, ob es nicht doch einmal zu schlimmeren Verletzungen kommt, ist allerdings bei weitem anstrengender. Die Mühe, die in die Resozialisierung des Hundes gesteckt wird, lohnt sich. Ein entspanntes Zusammenleben mit einem glücklichen Hund ist die verdiente Belohnung.
Übrigens, Vitamine der B-Gruppe können das angespannte Nervenkostüm eines Angstbeißers unterstützen. B-Vitamine übernehmen wichtige Aufgaben im Energiestoffwechsel, sie sind an der Reizweiterleitung der Nerven und an der normalen Bildung wichtiger Botenstoffe im Gehirn (u.a. von Serotonin) beteiligt.
Wenn weitere Unterstützung erforderlich ist, finden sich auf der Seite des BvdH (Berufsverband der Hundepsychologen) entsprechende Informationen.